Lügen lernen

VHS-KURS "OPTIMIERUNG DER WAHRHEIT" MIT ROLLENSPIELEN --- Die beiden Männer sitzen sich angespannt gegenüber, die Diskussion e...

VHS-KURS "OPTIMIERUNG DER WAHRHEIT" MIT ROLLENSPIELEN ---

Die beiden Männer sitzen sich angespannt gegenüber, die Diskussion erreicht ihren Höhepunkt. "Es ist unverantwortlich von Ihnen, wegen persönlicher Unkenntnis eine vollständige Überdachung der Nordsee abzulehnen", donnert Hans-Christian Lamgerz. "Alle Wissenschaftler, die sich damit befasst haben, sind meiner Meinung. Nur so kann einer zusätzlichen Belastung gegen Regen vorgebeugt werden." Sein Gegenüber, Marcel Teigmann, kommt ins Schwitzen. Er stammelt: "Und was ist mit den Kosten?" "Die Kosten", wiederholt Lamgerz süffisant, "sind doch wohl absolut zweitrangig."
Wenig überzeugend: Pinocchio.

"Hauptlüge zielgerichtet positionieren"


Willkommen bei "Optimierung der Wahrheit", dem neuen VHS-Kurs von Trainerin Silke Hansen. Der Raum B2C der Volkshochschule ist gut gefüllt, etwa 30 Leute sind gekommen, um professionelles Lügen zu lernen. In Rollenspielsituationen üben die Teilnehmer das vermittelte Wissen im Dialog, in der anschließenden Videoanalyse hält Hansen oft die Diskussion an, um Stärken und Schwächen zu erklären. In der ersten Stunde gehe es darum, die Hauptlüge zielgerichtet zu positionieren und überzeugend zu wirken, so die Trainerin. Im vorliegenden Beispiel werde am Ende der Diskussion die Absurdität einer Überdachung der Nordsee nicht mehr angezweifelt. Diskutiert werde nur noch über die Finanzierungskosten. Hansen lobt: "Das haben Sie sehr gut umgesetzt, Herr Lamgerz. Als es eng wurde, haben Sie Herrn Teigmann persönlich angegriffen und mittels der Hilfslüge Wissenschaftler erfunden, die ihre These stützen". Marcel Teigmann fügt hinzu: "Er hat so oft von der Überdachung der Nordsee gesprochen, bis es für mich irgendwie wahr wurde. Diese ständigen Wiederholungen haben sich bei mir eingebrannt, genau wie Werbung. Faszinierend."

Aller Anfang ist schwer

Nicht allen fällt es so leicht, das Gelernte umzusetzen. In einem weiteren Rollenspiel möchte Sieglinde Karrenbauer das Vermögen ihrer Diskussionspartnerin Alexandra Hartfischer dauerhaft in Besitz nehmen. Sie argumentiert mit dem Schlagwort Sicherheit, wirkt aber nur bedingt überzeugend: "Wollen Sie ernsthaft jeden restlichen Tag ihres Lebens mit der Angst herumlaufen, wegen Ihres Geldes ausgeraubt zu werden? Vielleicht sogar vergewaltigt oder erschossen? Oder beides?" Hartfischer bleibt skeptisch, Karrenbauer wirkt ratlos. Hansen durchbricht die Stille: "Wir haben noch viel Arbeit vor uns, aber am Ende des Kurses bekommen Sie nicht nur das Vermögen, sondern zusätzlich auch noch die Goldzähne von der Oma." Befreiendes Lachen.

Die Trainerin kommt gut an, die 45 Minuten vergehen wie im Fluge. Alle Teilnehmer haben das Gefühl, etwas Sinnvolles zu lernen, die erprobte Praxistauglichkeit steht außer Frage. Einziger Wermutstropfen: Die ursprüngliche Kursgebühr in Höhe von 9 Euro pro Termin war zu knapp kalkuliert, je Sitzung sind jetzt 98 Euro pro Person fällig. Grund seien die exorbitant gestiegenen Kosten im Bereich des Schutzes vor Dihydrogenmonoxid, erklärt Silke Hansen besorgt. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr, im schlimmsten Fall könne man sogar daran sterben. Alle nicken verständnisvoll. Bei "so einem tollen Kurs", erklärt eine Teilnehmerin, seien die Kosten ohnehin zweitrangig.


(pms) - VOLKSHOCHSCHULE AN DER MÜLLDEPONIE
Bild: pedrojperez - morguefile.com

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