Arbeitsscheu (1)

EXKLUSIVER TEILABDRUCK --- Das Tagblatt ist stolz darauf, nicht jedem Trend populistisch hinterherzulaufen. Aus diesem Grund freuen wir ...

EXKLUSIVER TEILABDRUCK ---

Das Tagblatt ist stolz darauf, nicht jedem Trend populistisch hinterherzulaufen. Aus diesem Grund freuen wir uns ganz besonders, Ihnen ab heute im exklusiven Teilabdruck eine Form der Theaterkomödie vorzustellen, die ihre Blütezeit vor läppischen 150 Jahren erlebte: Ein Konversationsstück mit dem Namen Arbeitsscheu.

 
I. AKT - 1. SZENE
Ein Wohnzimmer mit Couch und Couchtisch, einem Esstisch mit drei Stühlen, ein Regal, auf der rechten Seite ein Fenster. Auf dem Couchtisch welken Blumen in einer Vase. Am Rand steht ein kleiner Schreibtisch mit einige Spirituosen-Flaschen und Gläsern. Links befindet sich der Wohnungseingang, daneben eine Garderobe. Ein leicht schief hängendes Bild ziert die Wand. BEN, ein unauffälliger Mann Anfang 30, kommt aus der Tür zum Schlafzimmer auf der rechten Seite und ist sichtlich in Eile. Er trägt eine Anzughose, ein weißes Hemd und rückt seine gestreifte Krawatte zurecht. Er schaut auf die Uhr.

BEN
Verdammt, schon wieder halb 7! Der Zug fährt gleich!

CORA, eine sportliche Frau Ende 20, kommt im Hosenanzug aus dem Schlafzimmer.

CORA
Ist doch kein Problem, Schatz. Geh du schon mal los, ich nehme den nächsten.

BEN
Kommst du dann noch rechtzeitig zu deinem Termin? Heute ist schließlich der großer Tag.

CORA
Ach, du weißt doch: Ich bin sowieso immer eine Stunde zu früh vor lauter Aufregung. Das passt schon.

Ben zieht sich sein Jacket an.

BEN
Ok, Cora, ich drück' dir ganz fest die Daumen, das klappt bestimmt!

Er gibt Cora einen Kuss und geht mit ihr zur Tür.

BEN
Wir sehen uns heute Abend!

CORA
Bis heute Abend!

Ben ab. Cora schließt die Tür, geht zum Fenster und öffnet es. Sie wartet einen Moment und fängt dann an zu winken.
  
CORA (ruft nach hinten aus dem Fenster)
Mach's gut, Ben!

Cora schließt das Fenster und die Jalousien. Sie streift das Jacket ihres Hosenanzugs ab und ein pinker Pyjama kommt zum Vorschein. Anschließend zieht sie ihre Hose aus, unter der sich eine pinke Pyjamahose befindet, legt sich auf die Couch und deckt sich zu. Es klopft an der Tür. Cora schreckt hoch und springt von der Couch auf.

CORA (ruft in Richtung Tür)
Einen Moment!

Sie versucht überhastet, den Hosenanzug über den Pyjama zu stülpen und fällt dabei hin. Es gelingt ihr, die Hose anzuziehen.

BELLA (ruft von außen)
Ich bin's! Mach schnell auf.

Cora stellt schlagartig ihre Bemühungen ein, auch das Oberteil des Hosenanzugs anzuziehen, und öffnet im Pyjama die Wohnungstür. BELLA betritt die Wohnung. Sie ist etwas jünger als Cora und kommt direkt von einer durchzechten Nacht. Sie trägt ein knappes Kleid und hochhackige Schuhe. Der Schminke in ihrem Gesicht sieht man an, dass sie geweint hat.

CORA
Wie siehst du denn aus, Bella?

BELLA
Das könnte ich dich auch fragen!

Cora blickt an sich herunter und bemerkt erst jetzt, dass sie zu der feinen Hose das Pyjamaoberteil trägt.

CORA
Was machst du hier? Weißt du eigentlich, wie spät es ist?

Sie setzt sich auf die Couch. Cora setzt sich zu ihr.

CORA
Was ist denn passiert?

BELLA
Männer sind das Letzte.

CORA
Das ist aber nichts Neues.
  
BELLA
Dieser Kerl auf der Party. Den ganzen Abend und die halbe Nacht habe ich mich ihm um den Hals geschmissen und er hat mich einfach nicht mit nach Hause genommen!

CORA
Sag mir nicht, dass du schon wieder auf einer Studentenparty warst.

BELLA
Wie soll man denn sonst an einen angehenden Arzt rankommen? Die richtigen Ärzte sind doch schon lange in festen Händen.

CORA
Aber eine Studentenparty? Ich sage das nur ungern, aber dafür sind wir beide nicht mehr frisch genug.

Bella steht entrüstet auf.

BELLA
Jetzt sag doch sowas nicht!

CORA
Ich mein' doch nur.
(Sie steht auf, legt ihren Arm um Bella, die sich daraufhin wieder zu ihr setzt)
Du kannst es ja noch bei den Juristen versuchen, bei mir hat das doch auch geklappt. Und
Ben ist ja auch... ganz... nett.


Betretenes Schweigen.

CORA (schluchzt)
Ich bin mit einem Juristen zusammen!

Bella nimmt Cora in den Arm und versucht, sie zu trösten.

BELLA
Hey, nicht traurig sein! Immerhin versorgt er dich mit allem, was du brauchst... Und du musst auch nicht arbeiten, genau wie du immer wolltest!

CORA (schluchzend)
Aber er ist kein Arzt! Und reich ist er auch nicht! Er wird sich niemals das Cabriolet leisten können, das ich so gerne hätte. Und schau dich doch mal um!
(Sie steht auf und läuft durch die Wohnung)
Soll das alles sein? Eine lächerliche 2-Zimmer-Wohnung!


BELLA
Die aber in allerbester Stadtlage ist!

CORA
Bella! Ich bin über 30 und habe noch kein eigenes Auto, stattdessen eine blöde Jahreskarte für die U-Bahn!

BELLA
Du würdest hier sowieso keinen Parkplatz finden!

CORA
Ach, was weißt du schon. Diese kleine Schlampe Sonja hat alles richtig gemacht. Und jetzt wohnt sie dort drüben auf dem Stadthügel in ihrem großen Haus mit Doppelgarage und eigenem Cabriolet! Nur weil sie sich den Oberarzt geangelt hat, dieses Miststück.

BELLA
Das hätte man ahnen können. Im Studium hat sie sich auch sofort an den Tutor rangeschmissen.

CORA
Aber ich verstehe es einfach nicht! Die hat genau wie wir nach dem Abi angefangen auf Lehramt zu studieren, weil sie nicht wusste, was sie sonst machen sollte.

BELLA
Nur dass sie eben mit dem Richtigen in die Kiste gestiegen ist, im Gegensatz zu uns.

Cora blickt aus dem Fenster.

CORA
Ich wette, sie schaut in diesem Moment aus ihrem großen, frisch geputzten Fenster auf die Stadt herab und lacht sich ins Fäustchen.

BELLA
Dieses Miststück.

CORA
Aber was soll man machen...

BELLA
Hey, aber immerhin hast du überhaupt jemanden. Ich lasse mir noch alles von meinen
Eltern bezahlen. Wie peinlich ist das denn?


CORA
Das nennst du peinlich? Schau mich an! Ich mime die verzweifelte junge Akademikerin, die von Vorstellungsgespräch zu Vorstellungsgespräch hetzt! Dabei bewerbe ich mich nicht mal.

BELLA
Wie lange nimmt er dir das schon ab?

CORA
Ein Jahr.

BELLA
So lange seid ihr schon zusammen?

CORA
Aber ich fürchte, ewig fällt er nicht mehr darauf rein. Er ist vielleicht naiv und blind vor Liebe, aber nicht dumm.

BELLA
Und dann?

CORA
Was denkst du denn? Dann muss es sein.

BELLA
Du meinst doch nicht etwa?

CORA
Was denn sonst? Ich werde "versehentlich" die Pille vergessen und ihn abfüllen.

BELLA
Ich hatte ja keine Ahnung, wie schlimm es um dich bestimmt ist.

CORA
Immerhin hat sich dann das Thema Arbeit für die nächsten 25 Jahre erledigt, erst dann sind
alle Kinder aus dem Haus und der Hund tot.


BELLA
Was für ein Hund?

CORA
Der Hund, der zu dem Häuschen in der Vorstadt gehört, in die wir dann ziehen werden. Bella, denk doch einmal nach.

BELLA
In die Vorstadt ziehen? Cora, du machst mir Angst!


Fortsetzung folgt.

Alle bislang veröffentlichten Teile von Arbeitsscheu finden Sie hier.

Der Eingang zum Treppenhaus?

Bild: Karpati Gabor - morguefile.com

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