Freiheitsstrafe für Faschingsmuffel?

SCHMÄHUNG DER PRUNKSITZUNG STÖRTE ÖFFENTLICHEN FRIEDEN --- Für Helmut M. wird es eng. Die Staatsanwaltschaft beantragte im laufenden Verf...

SCHMÄHUNG DER PRUNKSITZUNG STÖRTE ÖFFENTLICHEN FRIEDEN ---

Für Helmut M. wird es eng. Die Staatsanwaltschaft beantragte im laufenden Verfahren das Höchststrafmaß von 3 Jahren Gefängnis ohne Bewährung. Der Präsident des Lustigen Karneval Vereins (LKV) Axel Bergfuß als Vertreter der Nebenklage forderte gar "die Statuierung eines Exempels". Doch selbst für den unwahrscheinlichen Fall eines Freispruchs ist das Leben von Helmut M. praktisch zerstört: Seit Veröffentlichung seines Leserbriefes in der antiquierten Printausgabe des Tagblatts vor 10 Monaten wurde M. Ziel von öffentlichen Anfeindungen, die auch zum Boykott seines Kiosks aufriefen. Inzwischen wurde der Kiosk wegen ausbleibender Kundschaft geschlossen.

Ob es hier witziger ist als auf der Prunksitzung?
Ein Leserbrief mit Folgen

Rückblick: Nach seiner Rückkehr aus der Entzugsklinik besuchte der seitdem trockene Alkoholiker Helmut M. im Februar die diesjährige Prunksitzung des LKV mit dem Motto "Lachen, bis der Privatarzt kommt". Bis heute steht M. zu seiner eidesstattlichen Aussage, während der gesamten Vorstellung in annähernd 5 Stunden kein einziges Mal gelacht zu haben und Karneval "doof" zu finden. Eine Ungeheuerlichkeit, die Axel Bergfuß an den 9 Verhandlungstagen regelmäßig die Zornesröte ins Gesicht steigen ließ. M. schickte nach der Prunksitzung einen Leserbrief an das Tagblatt, den wir aus aktuellem Anlass in Auszügen erneut veröffentlichen:

Sehr geehrte Tagblatt-Redaktion,
ich schreibe Ihnen, weil der Bericht über die diesjährige LKV-Prunksitzung Ihres Mitarbeiters Ipshausen-Pöhlmann absolut nichts mit der Realität zu tun hatte! Wie kann Ihr Schreiberling ernsthaft behaupten, bei dem Sketch der beiden Hausfrauen im Ferrari "Tränen gelacht" zu haben? Nie im Leben! Die Damen Herzogsfischer und Kaltenfurt waren grottenschlecht konnten nicht mal ihren Text! Beim Auftritt des "Männerballetts" haben Sie "vor Lachen Bauchschmerzen bekommen"? Ernsthaft? Das war die übergewichtige Altherrenmannschaft vom Rasenballsportverein! Ist es witzig, dass die nicht tanzen können? Nein! Sind Männer in Frauenklamotten lustig? In den viel zu engen Miniröcken auf keinen Fall! Die Tanzgarden waren "Weltklasse"? Über ihre eigenen Füße sind die gestolpert! Jeder in der Stadt weiß, dass Ipshausen-Pöhlmann ein Techtelmechtel  mit Gardenleiterin Biggi Eulenmeier hat! Hinter dem Rücken ihres Ehemanns, wohlgemerkt! Alles für ein paar nette Zeilen im Tagblatt? Kaum zu glauben, dass die sich so billig hergibt. (Anm. d. Red.: Aufgrund eines Sorgerechtstreits musste diese Passage leider geschwärzt werden.)
[...]
Um es kurz zu machen: Für die 22,22 Euro Eintritt habe ich deutlich mehr erwartet. Das war kein bisschen lustig, ich habe nicht ein einziges Mal an diesem Abend gelacht! Auf gut deutsch: Das war ganz große [...]! Der ganze Karneval [...] und ich bekomme davon Pickel! Vom Tagblatt fühle mich schlecht informiert und belogen. Meine Abo-Kündigung erhalten Sie in den kommenden Tagen. Ab sofort lese ich nur noch den XXXXXXX XXXXXXXX (Anm. d. Red.: Wir dulden keine Schleichwerbung. Für die Konkurrenz.)


Hochachtungsvoll
Helmut Martinsberger
Inhaber des Bahnhof-Kiosks "Nimm mit"


Helmut M. hat auf der Anklagebank auch nicht viel zu lachen.
Beim Frühstück bitterlich geweint

Aufgrund der relativ geringen Auflage des Tagblatts dauerte es einige Tage, bis der Leserbrief zu Familie Bergfuß gelangte. Der Schock traf sie dann umso härter: "In was für einem Land leben wir eigentlich, dass hier jeder unsere karnevalistischen Gefühle verletzen darf? Wir sind eine anerkannte Weltanschauungsvereinigung, da verstehen wir keinen Spaß!" Auch den anderen Vorstandsmitgliedern des LKV erging es nicht besser. Biggi Eulenmeier musste sogar bitterlich weinen, als sie seinerzeit beim Frühstück von der Schmähung ihrer Tanzgarde erfuhr. Die frisch geschiedene Gardenleiterin fiebert der Urteilsverkündung mit ihrer drei Wochen alten Tochter Jaquelline entgegen, die "natürlich auch schon LKV-Mitglied ist". Wie die meisten Vorstandskinder ist sie als Sternzeichen Skorpion.

Eindeutige Gesetzeslage

Niemand im LKV-Vorstand zweifele an einer Verurteilung, dafür sei die Gesetzeslage nach Paragraph 166 Strafgesetzbuch viel zu eindeutig, so Axel Bergfuß. Frei von Selbstzweifeln sei man jedoch nicht: Um in Zukunft jede "unsachgemäße Kritik" an der Prunksitzung "im Keim ersticken" zu können, habe man eine Videoaufzeichnung der Veranstaltung an eine unabhängige Prüfstelle geschickt. Bergfuß strahlt, als er das Ergebnis verkündet: Der Karnevalzentralverband hat in seinem Urteil die Witzigkeit der Prunksitzung bestätigt.
Nachdem die Witzigkeit eindeutig belegt sei, könne nun auch das zweite Verfahren wegen Falschbehauptung zum Abschluss gebracht werden, so Richter Kaltenfurt. Die Urteilsverkündung finde voraussichtlich in der kommenden Woche statt. Staatsanwalt Herzogsfischer mutmaßt, Helmut M. werde auch dieses Urteil "ganz bestimmt nicht witzig finden".


(pms) - JUSTIZGEBÄUDE, BLIND-MIT-WAAGE-STR. 9-13
Bild oben: 4ensic - morguefile.com
Bild unten: Maena - morguefile.com

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